Gall: Staat muss Rahmenbedingungen schaffen

DFV-Ehrenamtskongress: Bürokratismus keine Kernaufgabe im Bevölkerungsschutz

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Hannover – „Nachwuchs gewinnen und erfahrenen Helferinnen und Helfern Rahmenbedingungen bieten, die ein langfristiges Engagement ermöglichen, lautet der Schlüssel zum Erhalt des Freiwilligensystems“, sagte Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall, selbst aktives Feuerwehrmitglied seiner Heimatgemeinde, im Impulsvortrag beim Deutschen Feuerwehr-Verbandstag 2015. Der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) veranstaltete diesen als Ehrenamtskongress unter dem Motto „Einsatzort Zukunft“ im Rahmen der Weltleitmesse Interschutz in Hannover.

„Feuerwehren bieten die Basis für ein Engagement im ’neuen Ehrenamt‘. Chancen, sich zu qualifizieren, eigene Werte zu entwickeln und dabei die traditionellen Elemente des Ehrenamts weiter fortzutragen“, so der Innenminister. Gall forderte den Staat auf, sich nicht aus der Verantwortung zu nehmen, sondern rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Ehrenamt ermöglichten und nicht erschwerten. Der ebenfalls geforderte Einsatz von Finanzmitteln bedeute allerdings nicht, dem Ruf nach Bezahlung des Ehrenamts zu folgen. Unter Applaus der Feuerwehr-Führungskräfte aus ganz Deutschland stellte Gall fest: „Die Attraktivität des Ehrenamts steigt nicht, indem den Einsatzkräften mehr Entlohnungen gezahlt oder andere monetären Vergünstigungen gewährt werden.“ Und weiter: „Wenn Führungskräfte Funktionen des Geldes wegen übernehmen, wird damit auch ein Wertewandel stattfinden.“

Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall Bild: Harald Laier / DFV
Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall Bild: Harald Laier / DFV

Der Innenminister schlug vor, das Ehrenamt an entscheidender Stelle zum Beispiel durch hauptamtliches Personal zu entlasten, damit sich Ehrenamtliche auf ihren originären Auftrag konzentrieren können. Darüber hinaus gehöre Bürokratismus nicht zu den Kernaufgaben des Bevölkerungsschutzes. Ziel müsse sein, von Randthemen befreit zu werden, nicht „Mädchen für alles“ zu sein und dort tätig zu werden, wo Selbsthilfe leistbar sei. „Menschen engagieren sich ehrenamtlich dann, wenn sie einen persönlichen Mehrwert erfahren“, resümierte Gall. Er sieht die Zukunft des Ehrenamts unter anderem in der Sicherstellung, erfahrene Feuerwehrleute auch in schwierigen Lebensphasen nicht zu verlieren und Alternativen zum „Einheits-Feuerwehrangehörigen“ zu schaffen. Ehrenamtliches Engagement biete Chancen und eröffne Raum für vielfältige Kompetenzen.

DFV-Präsident Kröger: Mitgliedergewinnung ist Daueraufgabe

DFV-Präsident Hans-Peter Kröger beurteilte die Zukunft der bundesweiten Feuerwehren in seinem Grußwort optimistisch. Er nahm die Aufforderung „Schluss mit den Jammer-Kampagnen“ zum Anlass, die Delegierten des Verbandstages aufzurufen, mit selbstbewusstem Auftreten und einer positiven Ausstrahlung die Idee des Ehrenamts in den Feuerwehren als breite Bürgerbewegung weiter auszubauen. „Mitgliedergewinnung ist Daueraufgabe“, rief er den Führungskräften ins Gewissen. Werbeauftritte und eine persönliche Ansprache von Menschen seien „das A und O“. In Richtung Bundesfamilienministerium bemerkte Kröger: „Wenn aus einer ehrenamtlichen Führungskraft mit Aufwandsentschädigung per Gesetz ein Hauptamtlicher wird, dann gerät unsere demokratische Selbstorganisation ins Wanken.“ Der DFV-Präsident besann sich auf den Föderalismus und den Freiraum, den dieser böte. Denn: „Ein innovatives Feuerwehrwesen lebt auch von der Balance zwischen Standards und Individualität.“

DFV-Präsident Hans-Peter Kröger Bild: Harald Laier / DFV
DFV-Präsident Hans-Peter Kröger Bild: Harald Laier / DFV

Einer moderierten Podiumsdiskussion mit Präsidenten der Hilfsorganisationen, des Technischen Hilfswerks und BOS-nahen Behörden behandelte Herausforderungen und Lösungen zum Ehrenamt. Fachreferate befassten sich mit Forschungsergebnissen und Erfahrungen aus der Praxis.

Abschlusserklärung: Vielfalt stärken, Verlässlichkeit sichern

In einer Abschlusserklärung bekräftigen die Feuerwehren, das Technische Hilfswerk und die Rettungsorganisationen, den Bevölkerungsschutz auch zukünftig auf die Gemeinschaft der öffentlichen und gemeinnützigen Organisationen zu stützen. Die in ihnen tätigen Ehrenamtlichen organisieren sich selbst. Ziel ist, die Vielfalt zu stärken und die Verlässlichkeit zu sichern. Ehrenamtliches Engagement im Bevölkerungsschutz muss sozial abgesichert sein. „Es liegt im Wesenskern, dass freiwillig Engagierte ihren Zeitaufwand selbst bestimmen. Auch Kompensation schließt bei ehrenamtlicher Tätigkeit die Entschädigung von Aufwendungen oder Verdienstausfall nicht aus“, heißt es in dem Fünf-Punkte-Papier. Die Organisationen des nichtpolizeilichen Bevölkerungsschutzes müssten über eine zeitgemäße und den Anforderungen entsprechende Ausstattung verfügen, um auf Dauer genug Mitglieder gewinnen und halten zu können. In ihr schlügen sich auch Konzepte und Lösungen zum demografischen Wandel nieder.

(Tom Reher/DFV-Presseteam)

Zur Abschlusserklärung (pdf-Datei)

Quelle: DFV-Presseinformation Nr. 30/2015 vom 12. Juni 2015